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Sissa Micheli (Italien) + Rafael Mayu Nolte (Peru)

The Ballad of Interacting Objects - Seduction strategies


AUSSTELLUNG bis 28.6.2020 VERLÄNGERT!


Vernissage: Fr, 28.2.2020, 19.00 Uhr

Es spricht: Andreas Hoffer, Kurator AIR - ARTIST IN RESIDENCE Niederösterreich
Eröffnung: Gemeinderat Michael Capek

Eine Ausstellung in Kooperation mit AIR – ARTIST IN RESIDENCE Niederösterreich

Ausstellungsdauer: 29.2.2020 - 12.4.2020
Sissa Micheli (I): The Ballad of Interacting Objects / Rafael Mayu Nolte (PER): Seduction strategies

Zwei internationale Künstler/innen zeigen parallel im Kunstverein Baden Einblicke in ihr aktuelles Schaffen. Beide Künstler/innen, Sissa Micheli aus Italien und der von AIR – ARTIST IN RESIDENCE Niederösterreich eingeladene Rafael Mayu Nolte aus Peru beschaftigen sich mit grundsätzlichen Fragen zu Identität, Objektrealität und künstlerischen Transformationen von gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Die Wahl der künstlerischen Mittel und Ausdrucksweisen allerdings könnte kaum unterschiedlicher sein. Während Sissa Micheli in ihren Fotografien und Objekten literarisch surreale Bedeutungsverschiebungen inszeniert, oft in verführerischer Opulenz, beschränkt sich Rafael Mayu Nolte auf verknappte zeichnerische Notationen, deren inhaltlicher Kontext sich nicht auf den ersten Blick offenbart.

Rafael Mayu Nolte (PER): Seduction strategies

Rafael Mayu Nolte (Lima, 1992) studierte an der Escuela de Arte Corriente Alterna. Er ist Mitherausgeber der kunstkritischen Website Mañana. In seiner künstlerischen Praxis erforscht Nolte die Beziehungen zwischen utopischen Welten, Fiktion und Realität, basierend auf der Schaffung seiner zeichnerischen Erzählungen. Im Januar und Februar 2020 ist Rafael Mayu Nolte als AIR – ARTIST IN RESIDENCE Niederösterreich zu Gast und wurde vom Kunstverein Baden eingeladen, parallel zu der italienischen Künstlerin Sissa Micheli auszustellen.
Seduction strategies kombiniert zwei Serien von aktuellen, in Krems entstandenen Zeichnungen. Der Künstler versteht sie als Gedankenskizzen zu neuen größeren Projekten – die sich um die Themen Individualität, Identität und Anziehungskraft drehen. Die Serie Materielle Identitäten zeigt alltägliche Objekte, die unsere physische Erscheinung und damit auch unsere eigene Selbstdarstellung definieren. Zum Beispiel Make-up oder ein Paar Handschuhe. Diese vom Besitzer isolierten, banalen Dinge haben jedoch eine Geschichte und können auch als Symbole für Herkunft, Geschlecht, Sexualität und politischer Positionierung gelesen werden.
Citizens of the future wurde von Vögeln inspiriert, insbesondere vom Paradiesvogel und dem Bienenkolibri, da sie ihr prächtiges Federkleid als Mittel der Verführung und Anziehung von Partnern beim Balzritual einsetzen. Dabei fasziniert Nolte der Kontrast verschiedener Elemente, die einen philosophischen Konflikt verdichtet in einem Individuum zum Ausdruck bringen können.
Anders als bei Sissa Micheli ist in den Zeichnungen von Rafael Mayu Nolte der Gegenstand ganz auf sich gestellt, ohne kausale oder inszenierte Kontextualisierung wird ein Teil, ein Ausschnitt zur Repräsentanz von Wirklichkeit.

Sissa Micheli (I): The Ballad of Interacting Objects

Interaktion ist eine Art von Handlung, die stattfindet, wenn zwei oder mehr Objekte aufeinander einwirken. Die Idee eines Zweiwegeeffekts ist im Konzept der Interaktion wesentlich, im Gegensatz zu einem einseitigen kausalen Effekt. Bei einer Ballade, also einer lyrischen Textform, kann die handelnde, aktive Beziehung von Objekten zueinander auch nicht kausal sein und somit eine größere Assoziationsbreite zulassen, also auch nicht von einer logischen Handlungsgrundlage bestimmt.
Bei den Fotografien und Objekten, die die italienische Künstlerin im Kunstverein Baden zeigt, verknüpft Micheli Gegenstände miteinander, die im Sinne des Eliottschen “objektiven Korrelats” funktionieren. Das heißt, dass sie, die per se in keinem zwingenden Verhältnis zueinander stehen, durch die Verknüpfung im Bild/Objekt-Kontext gegenseitig mit Sinn aufgeladen werden. Dies geschieht durch sinnliche Attribute und eine aktive Narration, die im Auge der Betrachtenden entsteht und weitergeführt werden kann. Das kann von poetischem Zauber sein, von surrealem Witz unterwandert und von ironisch besetzten Objektverhältnissen erzählen, die die Künstlerin subtil und subversiv entwickelt. Ein Gegenstand, aus seinem Umfeld isoliert, mit einem anderen verknüpft und ästhetisch inszeniert kann so zu ungeahnten neuen Interpretationen, Erzählungen, Assoziationen anregen, durchaus auch im Rückschluss etwas von gesellschaftlicher Realität ausdrücken, gerade durch seine Bedeutungsverschiebung.
Denken wir nur an das Titelmotiv der Einladungskarte, so wird das künstlerische Konzept von Micheli offenkundig. Die Arbeit “Tears of the Past” aus der Serie Museum’s Rhapsody (Objective Correlatives)  von 2019 verbindet Museumsobjekte aus dem Palais Mamming in Meran / Südtirol miteinander und erzeugt eine große neue Erzählung. Ein Rudiment einer Statue der Kaiserin Elisabeth, der Kopf, voller Schrunden, abgeschlagen, liegt in marmorner Kühle auf schwarzem Grund. Aus dem Auge und den Haaren ragen versteinerte Tränen, die an die Dolomiten erinnern. Alles scheint höchst dramatisch und aufgeladen dazu anzuregen selbst weiterzudenken, den Faden weiterzuspinnen oder ganz neu mit Bedeutung zu besetzen. Die Statik des fotografierten Objekts wird durch den künstlerischen Eingriff von Sissa Micheli zur dynamischen Aktivierung von Inhalten.

Andreas Hoffer
  • Tears of the Past.1
  • Sissa Micheli (Italien) + Rafael Mayu Nolte (Peru)
  • Seduction strategies